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Hintergrund 2019-05-17T09:50:47+02:00

Persönlich

Mein Grossvater arbeitete in der Waldau (psychiatrische Klinik in Bern). So kam ich bereits als Kind mit Erzählungen aus der Psychiatrie in Berührung. Mit 8 Jahren habe ich zum ersten Mal jemanden auf einer geschlossenen Station besucht, was einen bleibenden Eindruck in mir hinterlassen hat. Ich hatte in meiner Kindheit und Jugend Kontakte zu Menschen mit „psychischen Schwierigkeiten“. Dies sind mögliche Gründe dafür, dass es mich beruflich in den psychiatrischen Bereich gezogen hat, in welchem ich nun seit 17 Jahren tätig bin.

Ich habe im Verlauf dieser Zeit die Beobachtung gemacht, dass bestimmte Themen sowohl in der Ausbildung wie auch im psychiatrischen Alltag umgangen werden und dass keinerlei Interesse besteht, daran etwas zu ändern. Auch die Medien schliessen diese Themen mehrheitlich aus. Diese Beobachtung hat mich immer wie stärker beschäftigt, bis letztlich in mir das Bedürfnis entstanden ist, mich in Form eines Films mit diesen gemiedenen Themen auseinanderzusetzen.

Ich habe mir schon immer gerne Filme angesehen. Nach dem Realisieren eines Kurzfilms merkte ich, dass mir auch das Filmemachen grosse Freude bereitet. Später habe ich ein paar Jahre bei der Durchführung eines Kurzfilmfestivals mitgeholfen und dabei viel Wichtiges bezüglich Filmen und Filmqualität gelernt.

Von der Idee zu diesem Film bis zu seiner Fertigstellung dauerte es 8 Jahre.

Über den Titel „Funktionieren“

Zum Betäuben sind Psychopharmaka nur eine Möglichkeit unter vielen. Wir betäuben uns mit Arbeit, Beziehungen, Hobbys, Stress, Alkohol etc. Aus meiner Wahrnehmung ist der normale, gesellschaftlich akzeptierte Alltag letztlich förmlich auf Betäubung ausgerichtet. Dazu erscheint mir dieser Satz passend: „Das Leben fängt da an, wo wir aufhören zu funktionieren.“ Momentan wirkt es auf mich so, als ob wir uns betäuben, damit wir überhaupt noch funktionieren können. Vom Leben scheinen wir weit entfernt…

Psychiatrie

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“. Albert Einstein

Jeder Mensch trägt seine eigene Geschichte in sich. Jeder Mensch geht auf seine eigene Art und Weise mit sich und seiner Geschichte um. Ich gehe davon aus, dass sich die Psychiatrie und die Gesellschaft gegenseitig spiegeln und nehme an, dass sich beides dann verändern wird, wenn der einzelne Mensch anfängt, sich zu verändern. Wenn im Inneren eine Veränderung beginnt, dann ist es auch möglich, dass sich im Äusseren etwas ändert. Ich habe daher keinerlei pauschale Lösungsansätze für das „System Psychiatrie“, und propagiere in dem Film auch keine.

Medikamente

Im Film geht es natürlich um mehr als um Medikamente. Trotzdem sind die Medikamente und die Psychiatrie aktuell noch untrennbar miteinander verbunden. Persönlich stehe ich den Psychopharmaka kritisch gegenüber. Trotzdem akzeptiere ich es natürlich, wenn jemand aus eigener Entscheidung heraus wünscht, Psychopharmaka zu nehmen. Er hat aber in jedem Fall ein Anrecht auf klare Information darüber, was die Medikamente bewirken können.

Besonders in der Akutpsychiatrie habe ich Situationen erlebt, in welchen ich Angst hatte oder mich überfordert fühlte. Manchmal war ich dann erleichtert, Psychopharmaka verabreichen zu können. Für mich habe ich festgestellt, dass das Verabreichen von Medikamenten in solchen Momenten auch ein Schlupfloch sein kann, damit ich mich nicht tiefer mit meinen eigenen Ängsten und Überforderungen auseinandersetzen muss. Daher erachte ich mittlerweile in solchen Situationen die Selbstwahrnehmung als sehr wichtig: Wie nehme ich meinen Körper wahr? Wie atme ich? Was empfinde ich?

Medikamente absetzen

Das Reduzieren von Medikamenten und ein medikamentenfreies Leben bedeutet harte Arbeit, sowohl für Ärzte und Pflegepersonal als auch für Angehörige und den Bekanntenkreis der Betroffenen. Am meisten Arbeit erfordert der Prozess aber von den Betroffenen selber. Falls das nicht so ist und beim Medikamentenabbau auf dem Umfeld die grössere Arbeit lastet, dann nehmen die Betroffenen aus meiner Erfahrung ihre Verantwortung zu wenig wahr. Das ist eine Situation, welche auf die Dauer für das Umfeld nicht tragbar sein wird. Die Betroffenen benötigen aus meiner Sicht das tiefe Bedürfnis, diesen Weg des Absetzens von „innen heraus“ gehen zu wollen, sich dem Schmerz, welcher mit Psychopharmaka unterdrückt wird, zuwenden zu wollen. Vorübergehende Launen im Sinne von: „Jetzt geht es mir ja grad gut. Ich brauche die Medikamente nicht mehr. Ich setze sie  ab“. Oder: „Ich habe aufgrund der Medikamente so an Gewicht zugenommen. Jetzt setze ich sie ab“, reichen aus meiner Erfahrung bei weitem nicht aus, um ein medikamentenfreies Leben zu führen. Die Medikamente abzusetzen und sich mit sich selber auseinanderzusetzen, das ist enorm anstrengend! Es liegt letztlich in der Verantwortung eines jeden Einzelnen, welchen Weg er wählt. Diesen Weg gilt es nicht zu werten!

Brigitte Zürcher